Samstag, 15. Dezember 2012

Kurzgeschichte: Schuld



Schuld



Es war still um sie herum. Nichts ungewöhnliches , wenn man die Uhrzeit bedachte an der sie hier stand und über die Mauern nach draußen blickte. Die Uhr schlug Mitternacht als sie von einer ungewohnten Unruhe erfasst wurde und ihren traumlosen Schlaf aufgab um nach draußen zu gehen. Nun stand sie jedoch hier, und immer noch wurde sie von einem merkwürdigen Gefühl tief in ihrem Inneren geplagt, dass sich auch bei dem Anblick der Dunkelheit um sie herum nicht legen wollte. Seufzend schaute sie in den Himmel hinauf, nur um dort auf eine dunkle Wolke zu stoßen, die sich Unheilverkündend auf sie zu legen schien. Im Firmament drohte sich etwas zusammenzubrauen, dachte sie mit zusammengefalteter Stirn und konnte nicht verhindern dass ein leichtes Frösteln sie durchlief. Sie musste unbedingt morgen daran denken, besonders insbrünstig zu ihren Engeln und zu Gott zu beten, nahm sie sich fest vor und versuchte somit ihre Angst zu beruhigen. Dies verfehlte jedoch heute ihren Zweck und mit immer noch leichtem Schauder ging sie zurück zu ihrem Zimmer , um eine weitere Nacht unruhig und angespannt in ihrem Bett zu verbringen.
Am nächsten Morgen hatte sich noch immer nicht das Wetter und somit auch die Stimmung von Schwester Laurentia gebessert. Im Gegenteil, kam es ihr doch so vor als ob die Düsterheit auf ihre Seele abgefärbt hatte. Ungewohnt argwöhnisch und verbittert verlebte sie den Tag in in ihrem Zuhause, weit weg von der Zivilisation. Besonders heute viel ihr auf, wie sehr sie ihr altes, „normales“ Leben vermisste. Die Mauern des Klosters drückten wie Fesseln gegen ihre Natur der Freiheit. Doch nichts konnte ihr Schicksal und vorallem ihre Vergangenheit verändern. Sie konnte nicht ungeschehen machen, was sie letztendlich zu diesem Ort geführt hatte. Damals hatte sie gehofft hier auf Vergebung zu stoßen und somit ihr Seelenheil zurückzufinden, doch bis jetzt wartete sie vergebens... Das einzige was sie hier zur genüge fand, waren strenge Ordensschwestern in ihrem Konvent, die sich bereits am ersten Tag ihre Meinung über sie gebildet hatten. Sie ließen sie immer wieder spüren, dass sie nicht hierher gehörte....und irgendwie stimmte Laurentia ihnen insgeheim zu.

Nachdem sie im Refektorium ihre Essensausgabeschicht beendet hatte, verließ sie den Speisesaal, um sich zu ihrem Schlafraum zu begeben. Dort angekommen, entfuhr ihr ein heftiger Schrei, nachdem ihr Blick flüchtig über den kleinen Spiegel über ihrem Schreibtisch schweifte. Mit roter Schrift prankten die Worte:  „Deine Taten werden gesühnt. Mörderin!!“
Wie ein Messer fuhr ihr der Satz, die Anklage, die Drohung, durch das Mark. Sie ertrug es nicht länger ihn zu lesen, so raffte sie ihre Kutte und eilte den langen Gang entlang....fort von diesem Wahnsinn....und von der Erinnerung ihrer Schuld...!
Mitten auf ihrer Flucht , eilten ihr andere Nonnen entgegen die ihrem Schrei gefolgt waren und nun den Grund der Aufregung und Störung ihrer inneren Einkehr erfahren wollten.
Sie konnte ihnen keine Antwort auf ihre Fragen geben, stattdessen führte sie die kleine Schar in ihr Zimmer und wurde erneut von einem Schrecken heimgesucht.....denn die Schrift war verschwunden.

Nachdem sie stotternd um eine Erklärung für den verursachten Tummult suchte, verdrängte sie das schreckliche Gefühl tief in ihrem Inneren. Sie musste versuchen Licht in diese Sache zu bringen, wer könnte sich solch einen makaberen Scherz auf Kosten der Tragödie ihres Lebens leisten? Mit Argwohn beobachtete sie die anderen und fing dabei einen merkwürdigen Blick von Schwester Augustina auf. War sie vermutlich der Störenfried ihres Seelenheils? Doch ohne Beweise konnte sie auf keinen Fall jemanden beschuldigen. Missmutig starrte sie auf den Spiegel, der ihr aber beim besten Willen keine Antworten auf ihre ungeklärten Fragen geben konnte...

Laurentia, die in ihrem früheren Leben, bevor sie diesen neuen Lebensabschnitt begonnen hatte, Lauren hieß, wurde in dieser Woche noch des öfteren von seltsamen Zeichen und Mitteilungen überrascht. Erneut stand sie oben auf der Brüstung der Mauer und starrte in die Dunkelheit hinaus. Erneut schlug die Uhr Mitternacht. Und erneut starrte sie in den Himmel. Dort oben glaubte sie ihr Schicksal erkennen zu können. Sie dachte daran, was ihr Bruder immer zu sagen pflegte: „Jede Tat wird dich einholen, man kann der Vergangenheit nicht weglaufen und der Zukunft nicht entrinnen....“ Er hatte Recht! Das sah sie ein. Am liebsten würde sie ihm wissen lassen, dass sie nun seine Worte verstand. Doch er war nicht mehr da..... Er war tot. Und sie war schuld! Mit Tränen in den Augen blickte sie auf ihre Hände, an denen soviel Blut klebte. Sie war eine Mörderin!
Erst jetzt bemerkte sie dass der Himmel mit ihr über den Verlust weinte, und der Wind mit ihr wehklagte. Als ein Blitz in die Tiefe fuhr erleuchtete er ihren Umriss, wie sie in die Tiefe sprang , hinab ins Nichts , hinab in den Tod..... Erneut zuckte ein weiterer Blitz und erhellte einen kleinen Fleck , der verdreht auf den Boden lag und niemals mehr Schuld empfinden würde....


Epilog:

Schwester Augustina stand vor dem neuen Grab, dass es seit gestern auf ihrem kleinen Klosterfriedhof gab. Seufzend fuhr sie sich mit der Hand über ihre Schläfe. Seit sie von diesem Selbstmord erfahren hatte, wurde sie von Kopfschmerzen geplagt. Obwohl sie noch vor einigen wenigen Tagen froh über diese Nachricht gewesen wäre, muss sie sich nun ihren Fehler eingestehen. In Schwester Laurentia wohnte anscheinend doch nicht wie von ihr vermutet der Teufel.... Sie hatte erst gestern erfahren, dass es ein Unfall und kein Mord war, der den Bruder sein Leben nahm. Doch wie konnte sie das erahnen? Es war ein kleiner Fehler, der eine tödliche Konsequenz verursachte. Mit gequälter Miene bückte sie sich , um einen kleinen Zettel auf das Grab zu legen, dann ging sie fort, zurück zu ihrer Gemeinschaft , zurück zu ihrem Leben.
Der Wind erfasst das Stück Papier, und drehte es ins schmerzliche Licht der Wahrheit, so das man die Schrift lesen konnte auf der dies stand:

„Ich bitte um Vergebung!“

Es war die gleiche Schrift, wie die Drohung damals auf dem Spiegel......






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